Mit Texten von Dietmar Schuth
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Potemkinsche Welten
von Joachim Geil
Der Realismus in den Bildern von Wilhelm Neusser erweist sich als eine Machart, die dem Betrachter nicht nur ins Auge sticht, sondern ihm regelrecht ins Gesicht schlägt. Schon in seinen Bildtiteln beschwört er Parallelwelten. Er verabschiedet sich von der deutschen Sprache in ein Zwischenreich aus Komik und plötzlicher Erkenntnis. Die Titel treffen den lesenden Betrachter wie Blitze. Sprache und Malweise greifen in seiner künstlerischen Technik ineinander und beginnen unter einer anscheinend intakten Oberfläche subversiv zu arbeiten. Die Architekturen und Gegenstände, in perspektivischen Systemräumen ins scheinbar rechte Licht gerückt, wirken trügerisch und heterogen. Ihre Montage verbleibt in einer Sphäre der Kontingenz. Es bleibt offen, ob sich hier parallele Welten oder nie zu schließende Baustellen mit kulissenhaften Fassaden auftun. Zurück bleibt eine Unsicherheit, die zwischen den Fluchtpunkten lauert.
Die abgebildeten Konstruktionen, Zwitter aus Modellen und Ruinen, tragen durch ihre obsessive Farbgebung und demonstrative Plastizität im Stil einer altmodischen Fernsehdekoration die bürgerlich-gegenständliche Bildordnung zu Grabe. In der Anordnung einer Groteske, also in ihrer rebellischen Loslösung aus dem System, reißen diese wesenhaften Objekte Abgründe auf und führen den Betrachter in die fahlen Traumräume der Surrealisten. Mit geschwürartiger Bösartigkeit scheinen sie sich selbst zusammen zu zimmern und im Raum zu wuchern.
Das System gegenständlicher Malerei, das wie eine Maske über der Komposition liegt, gerät in Auflösung. Immer wieder durchziehen perspektivische Brüche die Szene, machen ihre Anfälligkeit sichtbar und irritieren das Auge des Betrachters. Ein Grauen macht sich ganz beiläufig breit und durchsetzt die Bilder. Es ist die ironisch gebrochene Allmachtsphantasie der Malerei. Systematisch wird die Verhältnismäßigkeit aufgelöst, der sich eine realistische Malerei verpflichtet sieht. Der Gestus der Behauptung, ein bestimmtes Objekt zu sein, ist im Augenblick des Betrachtens schon wieder zurückgenommen, deutlich aber unbestimmbar.
Es bricht sich die reine Malerei Bahn, die Max Ernst zitieren kann, die eine illusionistische Tiefe als einen verrutschten Theaterprospekt bloßstellt, hinter dem der Horror monochromer Farbflächen lauert. Ebenso reißt der Boden auf und dort, wo man auf der Wasserfläche eines Gartenteiches die Spiegelung des Häuschens erwartet, erscheint das Bild eines ganz anderen Objektes, das womöglich auch kein Spiegelbild ist. Die Häuschenkultur, die Neusser aus dem Hobbykeller des bürgerlichen Modelleisenbahners herbeizitiert, schwankt zwischen Detailbesessenheit und klaustrophober Gesichtslosigkeit. Die Rolle der Figuren, die einst bei Giorgio de Chiricos „Pittura metafisica“ als gesichtslose Gliederpuppen zwischen den langen Schatten hagerer Arkaturen auf den Gemeinplätzen spazierten, übernehmen hier die schimärenhaften Wände, Schachteln, Ständer oder Häuser selbst.
Die einzige Sicherheit, die bei dieser Versuchsanordnung des Unheimlichen bleibt, ist die Gewissheit, die uns beim Lesen der Bildlegende beschleicht, dass diese Bilder von einem Maler namens Neusser mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt sind.
Wilhelm Neusser, geboren 1976 in Köln, Deutschland, studierte an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe bei Prof. Harald Klingelhöller. Er lebt und arbeitet in Köln.Im Jahr 2007 wurde er mit dem renommierten ZVAB-Phönix Kunstpreis ausgezeichnet.
Der Aufsatz erschien im Katalog "Wilhelm Neußer", Köln, 2008
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Die letzten Bilder der Menschheit
von Jan Brandt
Der Maler Wilhelm Neußer ist ein Meister des subtilen Schreckens. In seinen traumhaft albtraumhaften Ölgemälden stellt er Welt und Wahrnehmung auf den Kopf.
Der größte Passagierdampfer des Planeten bricht zu seiner ersten und letzten Reise auf. Ein Koloss aus Stahl und Holz, geboren aus dem Traum, die Welt in kleinerem Maßstab nachzubauen und sich über Naturgewalten hinwegzusetzen; ein moderner mobiler Mikrokosmos mit Squashhalle und Schwimmbad, Salons und Bibliotheken und mehr als 2200 Menschen an Bord, auf dem Weg ins Verderben. Wer am 14. April 1912 einen Blick aus dem Bullauge wirft – wenige Meilen vor der Kollision mit dem Eisberg – der sieht einen strahlend blauen Himmel und ein eisfreies Meer und ahnt nichts von der Katastrophe, die sich in der Nacht im Nordatlantik ereignen wird.
Wohl kein anderer Unfall in der Geschichte der Seefahrt ist so häufig in Szene gesetzt worden wie der Untergang der Titanic – als anschauliches und dramatisches Beispiel für menschliche Hybris. Der Begriff „unsinkbar“ und der Name „Titanic“ sind seitdem auf das Engste miteinander verknüpft. Es ist ein Ereignis, bei dem das Unmögliche mit dem Möglichen zusammenfällt. Dem jungen, 1976 in Köln geborenen Maler Wilhelm Neußer gelingt in seinen Arbeiten genau das: das Unmöglichmögliche auf einen Schlag sichtbar zu machen, verborgene Sehnsüchte und Ängste der Menschen bloßzulegen und in Bereiche vorzustoßen, die der natürlichen Wahrnehmung für immer verschlossen bleiben müssen.
Anders als viele andere bildende Künstler wie der während der Kaiserzeit tätige Marinezeichner Willy Stöwer oder der junge Max Beckmann, die sich bereits 1912 mit der Titanic beschäftigt haben, schaut Neußer nicht von außen auf das sinkende Schiff, er begibt sich mitten hinein in die Kabinen der Todgeweihten und macht ihre Perspektive zu seiner. Mit „Titanic“ liefert er aber kein Abbild der Wirklichkeit. Er zeigt nicht das, was die Reisenden an jenem Aprilsonntag gesehen haben könnten, sondern das, was ihnen bevorsteht. Seine neoromantische, an Caspar David Friedrich erinnernde Darstellung einer trügerischen Idylle geht weit über ein plakatives Horrorszenario hinaus – nicht nur die Wolken und das Packeis verweisen hier auf die Gefahr, die Fluchtlinien der Eisschollen reichen unter der dunklen Farbschicht als leichte Erhebungen bis in den Rumpf hinein. Sie bohren sich gleichsam mit ihren spitzen Kanten unter die Haut der Bordwand und von dort in die Augen der Betrachter.
Alle Werke Wilhelm Neußers sind diesem Titanic-Traum, diesem Urtraum aller Konstrukteure und Künstler, entsprungen, die Welt – seine Welt – in kleinerem Maßstab, zwei- oder dreidimensional nachzubauen, Herr zu sein über Landschaften und Gegenstände (wenn schon nicht über Menschen) und sie nach seinem Willen zu formen und anzuordnen. Dabei schöpft er aus einem reichhaltigen Motivbaukasten. Steine, Pflanzen, Platten, Bälle, Bänder und Kartons verwendet er nicht als reale Zeichen, sondern als variabel einsetzbare Zitate. „Mit diesem Vokabeltopf spiele ich herum, immer begleitet von Begriffen, die später oftmals Titel werden, Wortassoziationen zu den Dingen“, sagt Wilhelm Neußer. „Oft ist erst der Begriff da und dann bastele ich aus dem Vokabeltopf mein Bild.“
Die Titel der jüngsten, 2005 und 2006 entstandenen Arbeiten wie „Eigenheimphantasie“, „Draußen nur Kännchen“, „Vorschriften einhalten“, „Insolvenz“ oder „Pleite“ rufen ebenso unheilvolle Assoziationen hervor wie „Titanic“, weil sich in ihnen auch die Angst vor einem Untergang manifestiert: die Angst des Mittelstandes vor dem sozialen Abstieg. Die Metaphern, die Wilhelm Neußer für dieses Gesellschaftsgefühl findet, sind treffend und schockierend zugleich. Auf den Kopf gestellte Häuser, Treppen, die ins Obergeschoß führen müssten, aber in den Keller hinabreichen und ein Wandeln auf der Oberfläche der Unterseite zulassen, angeleuchtete Bauruinen, angeschnittene Erdplatten, abgerissene Baubänder, halbgeschlossene Rollläden und die Allgegenwart von Umzugskartons zeugen von einer sehr zeitgemäßen totalen Verunsicherung.
Zusammengenommen ergeben Titel und Motiv eine wohl kalkulierte Dissonanz: In „Eigenheimphantasie“ erstarrt der Traum vom eigenen Haus zu einer aus dem Pappkarton wachsenden Klinkerskulptur mit Schraubzwinge – Symbol für das Unfertige und im Ansatz stecken Gebliebene einer unerfüllbar gewordenen Hoffnung. „Draußen nur Kännchen“ impliziert das Problem, dass es für fast alles – wenn auch oft widersprüchliche – Regeln gibt, und diese lächerlich werden, sobald die Gründe dafür nicht mehr vorhanden sind. Neußer veranschaulicht dies, indem er die alten Vokabeln mit neuen übermalt, wie bei einem Palimpsest, einer antiken Pergament- oder Papyrusseite, die aus Papiermangel abgeschabt, gereinigt und wieder beschrieben wurde, ohne den ursprünglichen Text komplett zu tilgen. Je näher man herantritt, desto gespenstischere Einzelheiten werden erkennbar: ein Milchkaffeeschälchen links außen, der dezente Umriss einer Brille im Vordergrund – Schatten nurmehr, Spuren einer vollendeten Vergangenheit, wie eine vage, allmählich verblassende Erinnerung an bessere Zeiten, als die Kännchen noch nicht in Kisten standen, sondern auf den Tischen vor den Cafés.
Als Meister des subtilen Schreckens erweist sich Wilhelm Neußer endgültig, wenn er, wie in „Pleite“ oder „Insolvenz“, die Betrachter zwingt, eine unmögliche Perspektive einzunehmen, nämlich durch eine angeschnittene Platte von oben und unten gleichzeitig auf eine auseinander gebrochene, geteilte Welt zu schauen. Das Haus, die Festung des Kleinen Mannes, wird hier zur Fallgrube. Die Pflanzen im Garten, Zierde des Grundstückes, wachsen entweder in den Himmel, oder sie hängen, vollständig entlaubt, wie über einem Abgrund.
Diese modellhaften Schauerbilder zeigen mehr als die Angst vor dem sozialen Abstieg, sie prophezeien das Ende, die Apokalypse, die Auslöschung, das Verschwinden des Bürgertums, der Menschheit überhaupt. Menschen sind nirgends zu sehen und doch ständig präsent durch das, was sie – wie auf der Flucht vor etwas Gewaltigem – zurückgelassen haben. Während ältere Arbeiten aus dem Jahr 2004 wie „Kommen lassen“ oder „Modell Erfolgshochschule“ noch eine Art Brutstätte futuristischer Architektur zu sein scheinen, ist bei den jüngeren die Grundstimmung melancholischer und im wahren Wortsinn utopischer. Es sind Nicht-Orte. Phantastische, postmoderne Traumgebilde. Erstaunliche und verstörende Visualisierungen des Unmöglichmöglichen.




